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SCHWEIZ: Wirtschaft bei den Eidgenossen erholt sich stärker als erwartet

SCHWEIZ
Wirtschaft bei den Eidgenossen erholt sich stärker als erwartet / Hohe Zuversicht auch in der Kunststoffindustrie / Branchenvolumen 2020 um 5 Prozent gesunken / Recycling gewinnt an Fahrt / Ärger droht durch geplatzten Rahmenvertrag mit EU
„Der Aufschwung ist da – früher und stärker als bislang erwartet.“ So lautet die Einschätzung der KOF Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (https://kof.ethz.ch) zur aktuellen Konjunkturentwicklung der Schweiz. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt bei den Eidgenossen im vergangenen Jahr durch die Corona-Krise um 2,9 Prozent absackte, rechnet die KOF für 2021 mit einem BIP-Wachstum von 4 Prozent – und erhöhte damit die eigene, vierteljährlich veröffentlichte Prognose um 1 Prozentpunkt. Etwas verhaltener fallen die Erwartungen anderer Institute aus: Die meisten Einschätzungen liegen zwischen 2,7 Prozent (so zum Beispiel die der EU-Kommission) bis 3,5 Prozent (IWF, Crédit Suisse). Der grundlegende Tenor bleibt aber derselbe: „Wis abe goht, gohts au wieder ufe“ („Wie es runter geht, so geht es auch wieder rauf“).

Die Schweiz hatte im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern die Covid-Beschränkungen früher und weitreichender gelockert, was den Konsum frühzeitig wiederbelebte. Das Wirtschaftsinstitut BAK Economics (BAK; Basel / Schweiz; www.bak-economics.com) geht davon aus, dass weitere Lockerungen beispielsweise im Event-Bereich die Binnenkonjunktur förderten und die global fortschreitende Erholung den Export noch für einige Zeit beflügeln werde. Das BAK, das ein BIP-Wachstum von 3,7 Prozent erwartet, warnt jedoch vor dem Risiko eines Rückschlags durch die globale Ausbreitung der Delta-Variante.

Das Risiko einer vierten Welle sowie die gravierenden Rohstoffengpässe könnten auch die Zuversicht getrübt haben, die die Unternehmen der Schweizer Kunststoffindustrie noch im März an den Tag gelegt hatten. Bei einer Umfrage des Verbands Kunststoff Swiss (Aarau / Schweiz; https://kunststoff.swiss) hatten damals 42 Prozent der Branchenakteure – Rohstoffanbieter, Verarbeiter, Maschinenbauer, Recycler und Dienstleister – für das Jahr 2021 mit steigenden Erlösen gerechnet, und nur 23 Prozent mit weiteren Rückgängen. Das aber war, wie gesagt, vor dem Risiko einer vierten Corona-Welle und den weiteren Exzessen der Rohstoffpreise.



Im vergangenen Jahr verzeichnete die Schweizer Kunststoffindustrie dem Verband zufolge einen Umsatzrückgang von 5 Prozent auf 14,43 Mrd CHF (13,32 Mrd EUR). Damit sank das Volumen in etwa auf das Niveau des Jahres 2017. Präsident Silvio Ponti und Geschäftsführer Kurt Röschli zeigten sich erleichtert darüber, dass die Corona-Krise der Branche keine stärkeren Einbußen beschert hatte.

Etwas mehr als zwei Drittel des Umsatzvolumens (67,4 Prozent) entfielen auf die Kunststoffverarbeitung, die ein Minus von 2,5 Prozent auf 9,73 Mrd CHF verdauen musste. Bei Erzeugern, Distributoren und Händlern rutschten die Erlöse um 8,4 Prozent auf 3,71 Mrd CHF ab. Deutlich heftiger – minus 27 Prozent auf 722 Mio CHF – gestalteten sich die Einbußen im Maschinen- und Formenbau, die die Investitionskürzungen auf Seiten der Verarbeiter zu spüren bekamen.

Zu der überschaubaren Zahl der „Krisengewinnler“ gehörten Unternehmen, die Trennwände aus Polycarbonat oder PMMA fertigten sowie Hersteller von Komponenten von Beatmungsgeräten und Desinfektionsmittelbehältern. Ebenfalls gute Ordereingänge gab es bei Betrieben, die die Fertigung von Masken aufnahmen. Vergleichsweise robust blieb auch der Verpackungssektor. Die Verpackungsbranche (40,2 Prozent) und der Bau (47,4 Prozent) waren die Verarbeitungszweige, die am meisten Kunststoffe einsetzten. Sie dürften auch maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, dass der Gesamtbedarf 2020 laut Kunststoff Swiss um 5,5 Prozent auf 678.369 t zulegte. Zum Vergleich: In Deutschland, wo Bau und vor allem Verpackungen einen geringeren Anteil am Gesamtkuchen haben, verringerte sich die eingesetzte Menge Kunststoff um 2,8 Prozent auf 14,2 Mio t (siehe KIWeb vom 18.02.2021).



Dass der Kunststoffverbrauch der Schweiz stieg, der Branchenumsatz aber sank, erklärt sich durch die rückläufigen Preise für Polyethylen, Polypropylen und andere Granulate. Der KI-Index „Plastixx“, der die Entwicklung der Kunststoffpreise in Mitteleuropa widerspiegelt, lag 2020 im Jahresdurchschnitt um 9,3 Prozent unter dem vergleichbaren Wert von 2019.

Im Krisenjahr 2020 traten viele Unternehmen der Kunststoffindustrie auf die Kostenbremse. Dies wirkte sich auch auf die Zahl der in der Branche Beschäftigten aus. Nach steten Zuwächsen in den vergangenen Jahren sank sie um 2,7 Prozent auf 33.029 Personen. Vom Personalabbau betroffen waren sämtliche Bereiche, von Rohstoffanbietern (-1,4 Prozent) über Verarbeiter (-2,4 Prozent) bis hin zu den Maschinen- und Formenbauern (-6,8 Prozent). Allerdings versuchten die Unternehmen, Fachkräfte nach Möglichkeit zu halten. Freigesetzt wurde vor allem angelerntes Personal – dessen Anteil in der Personalstruktur der Branche fiel 2020 um 4,3 Prozentpunkte auf 31,1 Prozent. Kunststoff Swiss hebt hervor, dass der Kunststoffsektor nach wie vor unter einem Fachkräftemangel leide. Eine zügige Besserung sei nicht in Sicht, da heute jährlich nur etwa 75 Auszubildende in Kunststoffberufen ihren Abschluss machten. Ausbildungsplätze gebe es doppelt so viele.

Nicht nur die Zahl der Beschäftigten, auch die Anzahl der Betriebe insgesamt schrumpfte im Coronajahr 2020 dahin wie der Aletschgletscher im Sonnenschein: Von 854 Firmen im Jahr 2019 blieben laut Kunststoff Swiss 2020 nur noch 743 übrig, das ist ein Rückgang von 13 Prozent. Die Konsolidierung traf vor allem Maschinen- und Formenbauer, Verwertungsbetriebe sowie Akteure aus dem Dienstleistungsbereich, während sich die Zahl der Verarbeiter in der Krise sogar leicht erhöhte – von 435 auf 443 Unternehmen. Allgemein wird die Schweizer Kunststoffindustrie weiterhin durch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) mit durchschnittlich 10 bis 40 Mitarbeitern geprägt. Große Player wie der Polyamid-Spezialist Ems, der Bauzulieferer Sika, der Sanitärtechnik-Anbieter Geberit und das Industrieunternehmen Georg Fischer bilden eher die Ausnahme.
Recycling weiter im Aufwind
Ein Trend, der sich im Krisenjahr 2020 ungebrochen fortsetzte, ist die Zunahme der Recyclingaktivitäten – zumal die Schweiz ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen in einer Motion zur „Förderung der Kreislaufwirtschaft“ untermauerte. „Der Einsatz von Rezyklaten legt von 8 Prozent auf 14 Prozent im Jahr 2020 zu“, heißt es bei Kunststoff Swiss. Dieser Anstieg der Quote sei auf die verbesserten Produktionsprozesse und auf das wachsende Augenmerk der Unternehmen auf das Thema Recycling insgesamt zurückzuführen. Bei einigen Unternehmen im Logistik- und Bauwesen sind nach Angaben des Verbands Anteile von rund 30 Prozent Recyclingmaterial offenbar an der Tagesordnung. Immer mehr Unternehmen erweitern zudem die innerbetriebliche Verwertung von Produktionsabfällen.

Erfolge gab es zudem beim Ausbau der Abfallsammlungen: So steigerte der Verein Schweizer Plastic Recycler (VSPR, Olten / Schweiz; www.plasticrecycler.ch) die Sammelmenge auf 7,219 t Kunststoffabfälle (siehe KIWeb vom 30.06.2021) – das waren 22 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Der VSPR will erreichen, dass die geltenden Sammel-Richtlinien der Schweiz in einem Gesetz zur Haushalt-Kunststoffverwertung verankert werden. Ziel müsse sein, dass bis 2030 die Hälfte aller Kunststoffabfälle aus dem Haushaltsbereich und ein noch höherer Anteil von Industrieabfällen einer stofflichen Verwertung zugeführt würden, verlangt der Verein, der sich als Wegbereiter für den Aufbau einer Sortier-Organisation für die Kunststofffraktion sieht. Weiteren Schub erhält das Recycling durch Initiativen wie von Migros – wenn auch mit Verspätung, startete das größte Schweizer Einzelhandelsunternehmen dieses Jahr eigene Sammlungen von Kunststoffverpackungen (siehe KIWeb vom 11.05.2021) – „S'git nüt wo's nöd git“ („Es gibt nichts, was es nicht gibt“).
Rahmenvertrag mit EU geplatzt
Also alles super in der Schweiz? Nicht ganz. Wenn auch nicht unmittelbar, so könnte das Scheitern der Verhandlungen über einen institutionellen Rahmenvertrag mit der Europäischen Union über kurz oder lang ein gerüttelt’ Maß an wirtschaftlichen Unsicherheiten bringen. Hintergrund: Die Schweiz ist über ein Geflecht von mehr als 100 bilateralen Verträgen an die EU angebunden, die dem exportorientierten Land einen weitgehend barrierefreien Zugang zum europäischen Binnenmarkt ermöglichen. Dieses System wollte die EU modernisieren und den neuen Rahmenvertrag zur Voraussetzung für weitere Einzelabkommen mit der Schweiz machen. Nach sieben Jahren Verhandlungen beschloss der Schweizer Bundesrat am 26. Mai 2021 den Abbruch der Gespräche. Auf EU-Seite werfen Kritiker der Schweiz vor, ähnlich wie Großbritannien bei den Brexit-Gesprächen ein Maximum beim Zugang zum EU-Binnenmarkt zu wollen, ohne dafür bestimmte Konzessionen bei der Einhaltung von EU-Regeln zu machen. „S’Läbe isch kei Sugus“ – frei übersetzt: Das Leben ist kein Ponyhof.

Die bestehenden bilateralen Verträge sind weiterhin gültig, drohen aber mittel- und langfristig zu erodieren, wenn sie nicht mehr aktualisiert werden. „Ohne dieses Rahmenabkommen wird diese Modernisierung der laufenden Beziehungen unmöglich“, hieß es Ende Mai seitens der EU. Beispiel Datenschutz: Hier besteht das Risiko, dass die EU mangels entsprechender Anpassungsmöglichkeiten die Schweizer Gesetzgebung irgendwann nicht mehr als gleichwertig einstuft. Dies würde viele Schweizer Unternehmen vor gewaltige Probleme stellen, wenn die Speicherung und Verarbeitung von Personendaten aus EU-Ländern nicht mehr oder nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich wäre. Erste Konsequenzen des geplatzten Rahmenabkommens zeichnen sich in der Forschung ab – dort gilt die Schweiz für die EU nun als „nicht-assoziierter Drittstaat“ und bekommt künftig praktisch keine EU-Forschungsgelder mehr.
30.07.2021 KI [248070-0]
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